ADHS - PROJEKT

1. Bezeichnung des Forschungsvorhabens

Entwicklung eines regulationsdynamischen Modells für ADHS auf der Endophaenotyp-Ebene.
Entwicklung einer Software für Auswertung digitaler EEG-Daten zur Erfassung morphologischer Charakteristika und zur regulationsdynamischen Typisierung.
Durchführung epidemiologischer Untersuchungen zu ADHS mit Erfassung von Endophaenotyp-Charakteristika.
Erfassung von kompensatorisch wirksamen Faktoren im Rahmen epidemiologischer Studien zu ADHS und Entwicklung ihres systematischen Einsatzes in der Prophylaxe und multimodalen Behandlung.

2. Kurzbezeichnung

Regulationsdynamisches Modell bei ADHS

3. Kurzfassung des Forschungsprojekts

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) mit den Kernmerkmalen Aufmerksamkeitsdefizit, Impulsivität und Hyperaktivität ist das häufigste kinder- und jugendpsychiatrische Störungsbild. Die Sichtung der wesentlichen nationalen und internationalen Studien zur Verbreitung dieses Störungsbildes ergibt, dass etwa 5% der Kinder und Jugendlichen die Kriterien einer Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung erfüllen.

Sehr viel unsicherer ist die Datenlage bei den Erwachsenen. Während man in Europa noch bis vor wenigen Jahren davon ausging, dass sich das Störungsbild jenseits der Pubertät zunehmend verflüchtigt, ist man sich jetzt einig, dass mindestens ein Drittel, vermutlich sogar die Hälfte aller betroffenen Kinder und Jugendlichen im Erwachsenenalter weiter an bestimmten Symptomen leidet.

Alle epidemiologischen Untersuchungen haben das Problem, dass die Kriterien für ADHS an Hand des Erscheinungsbildes dieser Störung bei Jungen im Grundschulalter formuliert wurden. Das bei Mädchen anzutreffende Störungsbild entspricht häufig sowohl von der Verlaufscharakteristik wie der Qualität des Störungsbildes nicht diesen klassischen Kriterien. Das gleiche gilt für die Entwicklung im Erwachsenenalter mit zunehmender Überlagerung durch weitere damit zusammenhängende oder unabhängig davon auftretende psychiatrische Störungen wie Depression, Suchterkrankungen, Persönlichkeitsstörungen.

Zahlreiche Studien belegen, dass bei Individuen mit ADHS genetische Abwandlungen im dopaminergen System existieren, so dass die modulierende und modifizierende Einwirkung des mit dem Neurotransmitter Dopamin verknüpften Steuerungssystems verringert wird. Allerdings gibt es mindestens fünfzehn, vermutlich sogar das doppelte bis dreifache an genetischen Variationen, die in wechselnder Zusammensetzung bei Menschen mit ADHS gefunden werden.
Eine Diagnose oder gar epidemiologische Untersuchung auf genetischer/ molekularbiologischer Basis ist daher auf absehbare Zeit nicht denkbar.

Vielversprechend gerade bei Störungsbildern vom Typ der ADHS dürfte aber das relativ junge Konzept des Endophaenotyp sein, wie es zuletzt zusammenfassend in der Zeitschrift 'Der Nervenarzt' im März-Heft 2004 dargestellt wurde (ZOBEL Et MEYER, Nervenarzt 3/2004 - S. 205-214). Diesem Endophaenotypus von ADHS entspricht in unserem Konzept die typische ADHS-assoziierte zentralnervöse Regulationsdynamik, die sich - wie unsere bisherigen Untersuchungen zeigen - in einer spezifischen Morphodynamik des spontanen Ruhe-EEG's abbildet.
Bestätigende Hinweise auf einen solchen Zusammenhang zwischen spezifischer Morphodynamik des EEG's und besonderen Persönlichkeits- und Reaktionsmerkmalen finden sich bereits in einer Reihe älterer Veröffentlichungen, so z.B. bei REMOND et LESEVRE (1957). In der neueren EEG-Literatur (Ulrich 1994) wird diesem für unsere Fragestellung interessierenden EEG-Typus das Merkmal einer "Dynamischen Labilität" (DL) zugeordnet. Nach unseren bisherigen Beobachtungen findet man den EEG-Typ der DL regelhaft bei ADHS-betroffenen Individuen, aber auch bei deren biologischen Verwandten (z.B. Eltern, Geschwister), welche entweder gar nicht oder nur teilweise das klinische Bild einer ADHS aufweisen.

Zur Erfassung und Quantifizierung der musterdynamischen Charakteristika, die als Ausdruck einer spezifischen ADHS-assoziierten zentral-nervösen Regulationsdynamik (Endophaenotyp) zu werten sind, wird z.Zt. eine Software entwickelt. Zur Überprüfung dieser Software stehen bereits erfaßte digitale EEG-Daten von ADHS-Patienten bzw. deren Familienmitgliedern zur Verfügung, welche im Rahmen von mehreren Promotionsarbeiten untersucht wurden (ca. 130 Probanden, ca. 260 EEG-Ableitungen).

Nach Abschluß der Entwicklungs- und Erprobungsphase, die voraussichtlich längstens 6 Monate dauern wird, ist eine epidemiologische Feld-Untersuchung mit Datenerfassung auf der neurophysiologischen Ebene (Ruhe-EEG) und der Ebene der klinischen Symptomatik (Fragebogensysteme) jeweils ganzer Familien (Eltern und Kinder) geplant. Durch diesen Studienansatz wollen wir versuchen, folgende Fragen zu klären:
1.) Wie hoch ist der prozentuale Anteil von Menschen mit einer ADHS-assoziierten Regulationsdynamik der zentralnervösen Organisation (EEG-Typisierung) in einer Zufallsstichprobe der Gruppen Kinder, Jugendliche, Erwachsene?
2.) In welchem Verhältnis hierzu findet sich das Voll- oder Teilbild einer ADHS?
3.) Wie hoch ist die Übereinstimmung einer regulationsdynamischen und einer symptomatischen Typisierung?
4.) Wie häufig finden sich in Familien mit mindestens einem sicher diagnostizierten ADHS-Kind bei einem/bei beiden Elternteilen ADHS-typische Auffälligkeiten auf den Ebenen der Symptomatik/der Regulationsdynamik?
5.) Welche Besonderheiten finden sich bei Individuen, die trotz einer ADHS-assoziierten Regulationsdynamik keine wesentlichen Störungen auf der Symptomebene zeigen? Können hierbei typische Schutzfaktoren extrahiert werden? Lassen sich ggfs. diese Schutzfaktoren systematisch in Therapie und vielleicht sogar Prophylaxe von ADHS einsetzen?
Epidemiologische Studien der beschriebenen Art werden ausdrücklich gefordert im Eckpunktepapier des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung zum Thema ADHS (2002).

4. Projektdurchführung

Dr. med. Wolfgang Droll
Facharzt für Neurologie und Psychiatrie,
Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie,
Psychotherapie, Verhaltenstherapie
Praxis: Westfälische Str. 34, 10709 Berlin
Büro: Karlsbader Str. 1, 14193 Berlin, Tel: 030-895 05 527, Fax: 895 05 529
droll@geah.de

 

Prof. Dr. med. Gerald Ulrich
Facharzt für Nervenheilkunde
Charité, Campus B. Franklin, Psychiatrische Klinik,
Eschenallee 3, 14050 Berlin, Tel: 030-844 58 478
gerald.ulrich@charite.de

Bild