Dem BCB zum Geleit:

Wünsche, Hoffnungen und Visionen

von PROF. DR. MED. BRUNO MÜLLER-OERLINGHAUSEN
Vorsitzender der Arzneimittelkornmission der Deutschen Ärzteschaft

Sehr geehrter Herr Droll, sehr geehrter Herr Ulrich, meine Damen und Herren, der verstorbene Diabetologe Prof. Berger aus Düsseldorf hat öfters sinngemäß gesagt, daß die Ergebnisse der meisten mit sehr viel finanziellem Aufwand durchgeführten Sponsor-orientierten klinischen Studien für unsere ärztliche Tätigkeit nur von marginalem Interesse seien, während andererseits diejenigen klinischen Studien, die wir als Ärzte und Ärztinnen für unsere therapeutische Entscheidungsfindung eigentlich brauchen, nicht gemacht werden. Wer wie ich tagtäglich mit den Problemen und Grenzen der Evidence-based-medicine im Rahmen von gutachterlichen Aktivitäten, - im politischen Raum oder bei der Erstellung von Leitlinien - konfrontiert ist, kann diesem Kommentar von Berger nur zustimmen, und das gilt bis heute. Was wir brauchen, sind mehr unabhängige, medizinisch sinnvolle, innovative Studien, entweder im Sinne der Hypothesengenerierung oder auch im Sinne großer vergleichender Studien unter Berücksichtigung auch relevanter Endpunkte. Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, die ich hier in meiner Person vertrete, hat deshalb vor kurzem der Frau Bundesgesundheitsministerin eine Liste derartiger Projekte vorgelegt, die aus unserer Sicht in Deutschland und mit unabhängiger, d.h. mit staatlicher Förderung, eigentlich realisiert werden müßten.

Diese Problematik betrifft natürlich auch die Psychiatrie, wo dieses Institut seinen Schwerpunkt hat. Gerade in diesem Bereich werden wir tagtäglich überschwemmt mit Ankündigungen oder Ergebnissen von häufig sehr wenig kreativen Studien, die wesentlich Zulassungsstudien einzelner Hersteller sind und deshalb primär umsatzorientierter und nicht gesundheitsorientierter Motivation entspringen.
Auf der anderen Seite muß ich hier aber auch kritisch anmerken, daß bedauerlicherweise im Rahmen der letzten, also der 12. Novellierung des deutschen Arzneimittelgesetzes gerade für die Durchführung von sogenannten Investigator-induced-studies - also nicht vom Hersteller organisierten Studien - zusätzliche bürokratische und klar kontraproduktive Hürden aufgebaut worden sind, von denen man nur hoffen kann, dass sie so nicht realisiert werden auf der Verordnungsebene. Sie würden den geplanten Forschungsaktivitäten innerhalb einer jungen und - wie wir hier ja erleben - von offensichtlich dynamischen Kollegen betriebenen Institution wie dem BRAIN CENTER BERLIN sehr abträglich sein.

'Small ist beautiful' könnte man über die Türe dieses Institutes schreiben, das sich ja so gründlich von üblichen Kontraktorfirmen, wie wir sie überall erleben, unterscheidet. Ich habe hier, das darf ich auch mal sagen, mit Faszination und Vergnügen in den letzten Monaten erlebt, wie in erstaunlich kurzer Zeit zunächst vage zwischen uns Diskutiertes greifbare Formen angenommen hat und bereits in konkrete realistische Studienprotokolle gemündet ist.

Insbesondere drei Aspekte ihrer bisherigen Planungen und Konzeptualisierungen finde ich sehr interessant und unterstützenswert. Zum ersten, daß hier Forschung intendiert ist, die auch in direktem Bezug steht zur psychiatrischen Versorgungsaktivität, also zur Diagnostik und Therapie psychiatrischer Patienten und Patientinnen.
Zum zweiten, daß Sie sich schwerpunktmäßig neurophysiologischen Aspekten psychiatrischer Störungen und therapeutischer Interventionen widmen wollen, also einem Ansatz, weicher durch das derzeit ja auch staatlich geförderte Übergewicht molekularbiologischer und genetischer Forschung eher vernachlässigt erscheint. Dabei besteht doch sicher viel eher die Möglichkeit, innerhalb biologisch-psychiatrischer Konzepte plausible Übergangsfunktionen - interfaces - zwischen neurophysiologischen Konstrukten und solchen des Erlebens und Verhal-tens, also der Psychologie, herzustellen, als zwischen der viel weiter entfernten Biochemie bzw. Genetik und einer psychiatrischen Störung. Insofern erscheint mir Ihre Konzeptualisierung in der derzeitigen Forschungslandschaft ein wirklich innovativer Impuls.
Und zum dritten wollen Sie auch Methoden der komplementären Medizin, wie man das heutzutage nennt, untersuchen und ich meine, das sei dringlich notwendig. Dringlich, wenn wir dem von manchen unserer medizinischen Meinungsbildner und -träger viel beschworenen, selten aber durch Forschung substantiierten sogenannten Pluralismus in der Therapie ein der tatsächlichen Bedeutung entsprechendes Gewicht verleihen wollen. Ich habe mich ja selbst diesbezüglich wissenschaftlich herausgefordert gefühlt und gemeinsam mit Frau Berg und anderen gezeigt, daß es durchaus möglich ist, Wirkungen und Wirksamkeit eines alternativen komplementären, in diesem Fall körpertherapeutischen Verfahrens bei psychiatrischen Störungen erfolgreich zu untersuchen.
Ich würde mich persönlich sehr freuen, wenn diese Arbeiten hier im BRAIN CENTER BERLIN in Zukunft in differenzierterer Form unter Berücksichtigung auch neurophysiologischer Aspekte fortgeführt werden könnten.

Ich hoffe, daß Sie und Ihre Mitstreiter als Träger des Instituts in der Lage sein werden, die Wichtigkeit eines solchen Institutskonzeptes und eines ausgesprochen interdisziplinären Ansatzes in den Fachkreisen und in der Öffentlichkeit zu kommunizieren und damit natürlich auch finanzielle Unterstützung für die geplanten Projekte zu erhalten. Das wird erwartungsgemäß zwar ein längerer Weg sein, aber ich bin sehr zuversichtlich, daß Sie ihn erfolgreich gehen werden. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen guten Start für kreative, innovative, hirnhaltige Projekte im BRAIN CENTER BERLIN, Beharrung, Durchhaltevermögen und natürlich eine gute Hand bei der heute so wichtigen PR-Arbeit. Alles Gute für die Zukunft.

(gekürzte Presseversion)        zurück

Bild

PROF. DR. MED.
Bruno Müller-Oerlinghausen

PDF-Rede1 PDF-Druckversion

zurück